Suche

Risiko verstanden, Risiko gebannt!

 
308
1 Stern2 Sterne3 Sterne4 Sterne5 Sterne

„Der beste Hellseher ist der, der gut raten kann“, so der griechische Tragödiendichter Euripides (480 – 407 v. Chr.). Und obwohl die Zukunft für uns handelnde Menschen unbekannt ist – wie Euripides‘ Worte es uns antragen –, so müssen wir uns doch ständig an ihr ausrichten: Schließlich ist menschliches Handeln immer und überall zukunftsgerichtet. Vor allem auch an der Börse, an der sich die Kurse aufgrund eines nicht endenden Mühens bilden, Zukunftsszenarien aus Sicht der Gegenwart einzuschätzen.

Einige Investoren rechnen derzeit damit, dass die Schwankungsanfälligkeit der Finanzmarktpreise künftig zunimmt. Für diese These gibt es in der Tat eine Reihe von Indizien. Zum Beispiel haben viele Banken in den letzten Jahren ihre Handelsaktivitäten zurückgefahren. Das hat die Liquidität in einigen Märkten bereits ausgedünnt; in angespannten Marktphasen könnte sie dann besonders stark zurückgehen. Die Folge: Die Höhe der Kursausschläge in den Aktien-, Devisen- und Rohstoffmärkten nimmt zu.

Zudem sind immer mehr professionelle Investoren der Regulation unterworfen worden und damit angehalten, ihre Risiken anhand des Risikomaßes „Wert im Risiko“ (englisch: „Value at Risk“) zu steuern. Letzteres ermittelt sich auf Basis von vergangenen Kursschwankungen. Im Ergebnis kann das zu einem prozyklischen Investorenverhalten führen: Fallen die Börsenkurse, steigt das Risikomaß an. Investoren müssen daraufhin verkaufen, um Risiken zu begrenzen. Kursschwankungen würden so zusätzlich verstärkt.

Auch die fulminant wachsenden Beträge, die seit 2009 über Exchange Traded Funds (ETFs) in den Aktienmarkt investiert werden, könnten die Preisbildung an den Börsen strukturell beeinflusst haben. Mittels ETFs investiert der Anleger einfach und kostengünstig in Indizes, in Themen („Dividendentitel“), Branchen („Biotechnologie“) oder Regionen („Asien“). Das mag zwar in ruhigen Phasen die Marktliquidität erhöhen. Was aber mit den Kursen passiert, wenn der Marktstress einmal stark ansteigen sollte, darüber gibt es bislang kaum Erfahrung.

Das echte Investitionsrisiko

Ob es künftig tatsächlich zu erhöhten Kursschwankungen kommen wird, ist das eine. Das andere ist, dass der Investor über sein „echtes“ Risiko Bescheid wissen sollte. Heutzutage bemessen viele Investoren das Risiko in Form von Kursschwankungen („Volatilität“). Nehmen die Kursschwankungen zu, steigt das Risiko und umgekehrt. Doch was ist von dieser Praxis zu halten? Zwei grundsätzliche Bedenken sind vorzubringen. Erstens: Nur dann, wenn die Märkte „effizient“ sind, kann Volatilität als sinnvolles Risikomaß angesehen werden.

In effizienten Märkten – so die moderne Finanzmarkttheorie – spiegeln nämlich die Kursveränderungen die Wertveränderungen der Aktie richtig und umfassend wider. Dass aber in der realen Welt die Märkte in diesem Sinne stets effizient sind, darf bezweifelt werden. Denn oft genug stecken hinter dem Auf und Ab der Kurse Faktoren, die mit dem Wert der Aktie (also der Summe der abdiskontierten künftigen Gewinne) gar nichts zu tun haben – wie beispielsweise Gier- und Panikschübe der Investoren.

Fallen aber Preis und Wert auseinander, ist die Volatilität kein sinnvolles Risikomaß. Das soll dieses Beispiel verdeutlichen: Nehmen wir an, Ihre Analyse zeigt, die Aktie XY ist 100 Euro wert. Der Kurs beträgt aber nur 80 Euro. Deshalb investieren sie – und haben eine Renditeerwartung von 25 Prozent (also [100/80-1]*100). Nehmen wir an, nach dem Kauf fällt der Kurs der Aktie auf 50 Euro – nicht weil der Unternehmenswert gesunken wäre, sondern weil die Investoren verschreckt sind aufgrund irgendeiner politischen Nachricht.

Kein höhere Risiko durch erhöhte Volatilität

Der Kursrutsch von 80 auf 50 Euro hat die Volatilität erhöht. Doch sind Sie jetzt einem höheren Risiko ausgesetzt? Die Antwort lautet Nein! Die Aktie, die Sie zu 80 Euro gekauft haben, verspricht Ihnen nach wie vor 25 Prozent. Und wenn Sie nun mehr von dieser Aktie, deren Wert Sie weiterhin auf 100 Euro beziffern, zu 50 Euro kaufen können, nimmt Ihr Risiko sogar ab: Wenn Sie etwas zu 50 Euro kaufen können, das 100 Euro wert ist, dann ist das doch wohl weniger risikoreich, als wenn Sie es zu 80 Euro kaufen!

Das Risiko für den Investor liegt also nicht im Auf und Ab der Kurse. Für den Investor besteht es vielmehr darin, dass ihm unverhofft Fehleinschätzungen unterlaufen, die zu dauerhaften Kapitalverlusten führen: Dass er eine Aktie zu teuer kauft, und seine Rendite niedriger ausfällt, als sie hätte ausfallen können; oder, viel schlimmer, dass der Kurs der Aktie im Zeitablauf nicht steigt, sondern immer weiter absinkt. Der Investor ist also gut beraten, frühzeitig Vorsorge zu treffen, um unwiederbringliche Verluste zu vermeiden.

Volatilität ist kein Risiko

Ein erster Schritt dazu ist, seine Investmententscheidungen nicht abhängig zu machen von der Volatilität. Um das zu verdeutlichen, nehmen wir an, Sie haben ein Anlagekapital von 100.000 Euro. Sie schätzen den Wert der Aktie auf 200 Euro. Da sie bei 100 Euro handelt, kaufen Sie 1.000 Aktien Stück. Dann fällt der Aktienkurs auf 80 Euro. Die Volatilität steigt. Ihr Buchverlust beträgt 20.000 Euro. Sie halten aus. Der Kurs fällt weiter auf 40 Euro, und Sie verkaufen, weil die Volatilität noch weiter angestiegen ist.

Sie realisieren also einen Buchverlust von 60.000 Euro. Dann dreht der Aktienmarkt. Der Kurs steigt auf 50 Euro, und mit Ihren verbliebenen 40.000 Euro können Sie sich noch 800 Aktien leisten. Der Höhenflug der Aktie setzt sich fort und erreicht 200 Euro. Ihre Rendite beträgt 60 Prozent. Hätten Sie hingegen durchgehalten, wäre Ihre Rendite 100 Prozent gewesen! Indem Sie sich von der Volatilität haben leiten lassen und nicht von der Werteinschätzung der Aktie, haben Sie Ihre Investitionsrendite geschmälert.

In diesem Beispiel ist eine weitere – wie ich meine: sehr wichtige – Botschaft verborgen: Dass man nicht versuchen sollte, den Markt zu „timen“. Bei Höchstkursen zu verkaufen und bei Tiefstkursen zu kaufen, wäre zwar großartig, es gelingt den meisten Anlegern jedoch nicht in systematischer Weise. Und daher kann das Rein und Raus aus dem Aktienmarkt sehr verlustreich sein. Man trifft keine guten Investitionsentscheidungen, wenn man sich von der Volatilität leiten lässt, um den richtigen Zeitpunkt der Käufe und Verkäufe zu bestimmen.

Die Einschätzung, die Börsen könnten fortan schwankungsanfälliger sein, als sie es in den letzten Jahren waren, ist ein aus derzeitiger Sicht zumindest plausibles Szenario. Wenn es so kommt, stellt das den umsichtigen Investor aber nicht vor eine gänzlich neue Herausforderung. Denn er wendet strikt das „Preis versus Wert“-Prinzip an, und er wird damit auch in Marktphasen erhöhter Volatilität gute Investmententscheidungen treffen können. Von zentraler Bedeutung ist dabei die Wertbestimmung. Kennt man den Wert einer Aktie mit hinreichender Genauigkeit, dann kann man auch sinnvoll entscheiden, ob sich sein Kauf lohnt oder nicht: Man sollte nur dann investieren, wenn der Preis, den man für die Aktie zahlt, deutlich niedriger ist als ihr Wert. Auf diese Weise sichert der Investor sich eine hohe „Sicherheitsmarge“: Selbst wenn man den Aktienwert überschätzt haben sollte, wird so die Gefahr eines Kapitalverlust stark verringert. Zudem trägt eine hohe Sicherheitsmarge positiv zur Rendite des Investments bei.

Wer sich das „Preis versus Wert“-Prinzip zu Eigen macht – wer also mit einer hohen Sicherheitsmarge operiert –, der wird in anspannten Marktphasen, wenn die Kurse abrutschen, vor allem zwei Vorteile haben: Für ihn erhöhen sich die Chancen, gute Unternehmen zu günstigen Preisen kaufen zu können. Und er kann auch ruhig schlafen, wenn die Kurse fallen, solange er weiß, wo der Wert der Aktie liegt. So gesehen zahlt sich aus, wenn man Klarheit darüber hat, worin das Investitionsrisiko besteht – und worin nicht.

0/5 (0 Reviews)

Neueste News

Uhrzeit Artikel Autor
21:02
Lufthansa-Aktie: Sollte man jetzt zugreifen?+Mitte Juni musste die Lufthansa-Aktie einen weiteren schweren Rückschlag verkraften. Auslöser war eine Gewinnwarnung, die der Luftfahrtkonzern aufgrund der zunehmenden Konkurrenz durch Billigairlines und sinkender Ticketpreise vornehmen musste. Die Anleger quittierten die News mit deutlichen Abschlägen und ließen den Kurs auf ein neues 2-Jahres-Tief bei 14,33 Euro fallen. Seitdem konnte sich die Aktie wieder einigermaßen stabilisieren, aber noch nicht entscheidend [...]
Weiterlesen...
Alexander Hirschler
20:58
Deutsche Telekom-Aktie: Die Verluste gehen weiter –...+Die Aktie der Deutschen Telekom ist in den vergangenen Tagen wieder etwas stärker unter Druck geraten. Der Dienstag war bereits der fünfte Tag in Folge, an dem Aktie Verluste hinnehmen musste. Diese halten sich zwar in Grenzen, haben den Kurs nun aber wieder bis auf 15,00 Euro zurückfallen lassen. Dadurch hat sich auch das Chartbild eingetrübt. Der Kurs hat die [...]
Weiterlesen...
Alexander Hirschler
20:51
Tesla-Aktie: Wie geht es nun weiter?+Bei der Tesla-Aktie bestimmen die Bullen weiterhin das Geschehen. Anfang Juli war ihnen nach einigen gescheiterten Versuchen endlich der Ausbruch aus dem mittelfristigen Abwärtstrend gelungen. Inzwischen hat sich die Aktie bis auf 250 US-Dollar nach oben gearbeitet und damit einen komfortablen Abstand zum Abwärtstrend hergestellt. Das Chartbild ist nun wieder bullisch einzuschätzen. Der Kurs verläuft oberhalb der 50-Tagelinie (EMA50) und [...]
Weiterlesen...
Alexander Hirschler
20:28
SLI-Index legt am Dienstag leicht um +0.2 Prozent zu.+Am heutigen Dienstag haben die wichtigsten Aktien der Schweiz leicht an Wert gewonnen: Gegen 17:45 Uhr MESZ wurde der SLI (CH0030252883) bei 1.515,32 Punkten registriert, knapp +0,2 Prozent höher als zur Schlussnotierung am Montag (1.512,3 Punkte). Insbesondere für LafargeHolcim, Credit Suisse und Kuehne + Nagel wurden während des heutigen Handelstages teilweise starke Kursaufschläge registriert; dagegen verloren die Aktien von Alcon [...]
Weiterlesen...
Stockpulse
20:00
Börsengänge im 2. Quartal 2019: Der Überblick+Ihre Aktien-Auswahl wird größer! Nach einem sehr schwachen Jahresauftakt hat sich der weltweite Markt für Börsengänge (IPOs) im 2. Quartal des laufenden Jahres deutlich erholt. Das stellten die Berater von Ernst & Young (EY) in einer kürzlich veröffentlichten Studie fest. In den ersten 3 Monaten dieses Jahres gab es weltweit gerade einmal 205 Börsengänge mit einem Emissionsvolumen von 15 Mrd. [...]
Weiterlesen...
GeVestor Verlag
19:20
ATX-Index fällt am Dienstag leicht um -0.5 Prozent.+Am heutigen Dienstag haben die Aktien des österreichischen ATX leicht an Wert verloren: Gegen 17:41 Uhr MESZ wurde der ATX (AT0000999982) bei 2.985 Punkten registriert, knapp -0,5 Prozent niedriger als zur Schlussnotierung vom letzten Handelstag am Montag (3.000 Punkte). Der DAX notiert heute mit +0,23 Prozent besser als der ATX. Auch der EURO STOXX 50 weist mit +0,46 Prozent eine [...]
Weiterlesen...
Stockpulse
19:00
Gespräche abgebrochen: Symantec-Übernahme durch Bro...+Manchmal kommt es anders als die Investoren erwarten! Diese Redewendung beschreibt die aktuelle Entwicklung in den Übernahmeverhandlungen zwischen Broadcom und Symantec mehr als treffend. Denn gestern wurden die Übernahmegespräche laut Insiderinformationen nach 11 Stunden ergebnislos abgebrochen. Erst Anfang des Monats setzten viele Investoren darauf, dass der US-Chiphersteller Broadcom das Software-Unternehmen Symantec aus dem Silicon Valley übernimmt. Am 7. Juli wurde [...]
Weiterlesen...
GeVestor Verlag
19:00
Wirecard Aktie: Da lohnt sich doch ein zweiter Blick!+Smarte Handys, smarte Fernseher, smarte Autos, smarte Uhren, smarte Brillen, smarte Haushaltsgeräte, smarte Industrie, smarte Stadt: Es gibt kaum einen Lebensbereich, der nicht von der allumfassenden Vernetzung betroffen ist. Jetzt hat ein bekannter deutscher Zahlungsabwickler ein weiteres analoges Objekt im Blick, das mithilfe digitaler Technologie nun auch „klüger“ werden soll. Konkret geht es um einen smarten Spiegel, der das Einkaufserlebnis [...]
Weiterlesen...
Marco Schnepf
19:00
Daimler Aktie: Gut zu hören!+Für Fahrradfahrer oder Fußgänger ist es ein deutliches Signal: Hört man von hinten ein sich näherndes Motorgeräusch ist Obacht geboten. Gerade beim Abbiegen oder der Fahrbahnüberquerung kann dieses akustische Signal mitunter Leben retten. Doch was ist eigentlich mit den Elektroautos? Diese sind vor allem bei niedrigen Geschwindigkeiten kaum zu hören und stellen deshalb eine plötzliche Gefahr für schwächere Verkehrsteilnehmer dar. [...]
Weiterlesen...
Marco Schnepf
19:00
Deutsche Bank Aktie: Der Rotstift kommt auch hier z...+Die Deutsche Bank will schlanker werden und forciert massive Stellenkürzungen auch in den USA, wo man gegenüber den großen US-Bankhäusern immer mehr ins Hintertreffen geraten war. Zusätzlich will das strauchelnde Institut auch die Präsenz am wichtigsten Handelsplatz der Welt neu ordnen, wie die Zeitung „New York Post“ (NYP) kürzlich berichtete. Demnach verlagert die Deutsche Bank ihren New Yorker Hauptsitz von [...]
Weiterlesen...
Marco Schnepf


Disclaimer

Die auf finanztrends.info angebotenen Beiträge dienen ausschließlich der Information. Die hier angebotenen Beiträge stellen zu keinem Zeitpunkt eine Kauf- beziehungsweise Verkaufsempfehlung dar. Sie sind nicht als Zusicherung von Kursentwicklungen der genannten Finanzinstrumente oder als Handlungsaufforderung zu verstehen. Der Erwerb von Wertpapieren ist risikoreich und birgt Risiken, die den Totalverlust des eingesetzten Kapitals bewirken können. Die auf finanztrends.info veröffentlichen Informationen ersetzen keine, auf individuelle Bedürfnisse ausgerichtete, fachkundige Anlageberatung. Es wird keinerlei Haftung oder Garantie für die Aktualität, Richtigkeit, Angemessenheit und Vollständigkeit der zur Verfügung gestellten Informationen sowie für Vermögensschäden übernommen. Finanztrends.info hat auf die veröffentlichten Inhalte keinen Einfluss und vor Veröffentlichung sämtlicher Beiträge keine Kenntnis über Inhalt und Gegenstand dieser. Die Veröffentlichung der namentlich gekennzeichneten Beiträge erfolgt eigenverantwortlich durch Gastkommentatoren, Nachrichtenagenturen o.ä. Demzufolge kann bezüglich der Inhalte der Beiträge nicht von Anlageinteressen von finanztrendsw.info und/ oder seinen Mitarbeitern oder Organen zu sprechen sein. Die Gastkommentatoren, Nachrichtenagenturen usw. gehören nicht der Redaktion von finanztrends.info an. Ihre Meinungen spiegeln nicht die Meinungen und Auffassungen von finanztrends.info und deren Mitarbeitern wider. (Ausführlicher Disclaimer)