Rezension – Adele Spitzeder: Der größte Bankbetrug aller Zeiten

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Von Julian Nebel, 176 Seiten, 17,99 Euro, FinanzBuch Verlag 2017.

„Hinter jedem erfolgreichen Mann steht eine starke Frau“ – die bekannte Volksweisheit gilt zumindest für das wenig schmeichelhafte Segment des Kapitalanlagebetrugs. Gemeinhin gilt Charles Ponzi als der bekannteste Vertreter wenn nicht gar Begründer dieser Disziplin. Historisch betrachtet erwies er sich allerdings als gelehriger Schüler der bis heute ungeschlagenen Großmeisterin Adele Spitzeder. Eine feine Biographie der unfeinen Dame hat unlängst der Münchner Jurist und Autor Julian Neben ausgearbeitet. Nebst Aufstieg und Fall der Spitzeder‘schen Privatbank zeichnet er ein facettenreiches Sittengemälde seiner Heimatstadt in der Hochphase der Gründerzeit. Hier strandete die Protagonistin Adele Spitzeder im Jahr 1869 nach einer veritablen Theaterkarriere. Neue Engagements für die Enddreißigerin bleiben aus. Bald wird sie zur Stammkundin bei den Geldverleihern der Stadt. Aus Kalkül oder Verzweiflung fängt Spitzeder an, in der Au, einem Arme-Leute-Viertel, Einlagen anzunehmen. 30 Prozent auf drei Monat wird ihr Standardkontrakt. Die Konditionen sprechen sich schnell herum. Innerhalb von drei Jahren baut ihre Privatbank umgerechnet etwa 400 Millionen Euro Verbindlichkeiten auf. Rechtlich bewegte sich Spitzeder in einem Graubereich, sie kaufte Journalisten, leistete mildtätige Spenden, subventionierte Bier. Mehreren „Bank Runs“ hält sie stoisch stand – bis auf den letzten. 33.000 bekannte Anleger verlieren 85 Prozent ihrer Einlagen. „Viel war’s nicht, aber alles“, titelte eine zeitgenössische Karikatur. Zu der Zeit hatte München knapp 170.000 Einwohner. Eine Suizidwelle erfasste die Stadt und zahlreiche Gemeinden, beispielsweise Ingolstadt, gerieten in finanzielle Schieflage. Mit seiner Spitzeder–Biographie hat Nebel einen äußerst kurzweiligen Bankenkrimi vorgelegt, der nichts an Aktualität eingebüßt hat, wie der aktuelle Rausch um dubiose Krypto-Clubs belegt. Unverdienterweise blieb es dem Namen Spitzeder verwehrt, Teil der Fachterminologie zu werden. So ungerecht kann die Geschichtsschreibung sein!

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Luis Pazos wurde 1974 im Rheinland geboren und lebt in Südniedersachsen. Der Manager, Buchautor und Finanzblogger handelt seit 1994 ein breites Spektrum von Wertpapieren an den weltweiten Börsenplätzen. Sein Spezialgebiet sind passive Einkommensstrategien mit Hochdividendenwerten. Mit „Bargeld statt Buchgewinn“, erschienen im FinanzBuch Verlag, hat er ein Standardwerk zum Thema verfasst. Erfahrungen und Fachwissen teilt Luis Pazos regelmäßig mit allen Lesern seines Finanzblogs – in dieser Form ein einzigartiges Angebot im deutschsprachigen Raum. Neugierig geworden? Dann tragen Sie sich kostenlos und unverbindlich für den zehnteiligen Einführungskurs ein, die Angabe einer E-Mail-Adresse genügt: https://nurbaresistwahres.de/gratiskurs




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