Nach Trumps Corona-Schock: Märkte fürchten ein Wahldebakel!

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Böse Zungen würden es Karma nennen. Dass sich nun ausgerechnet der US-Präsident Donald Trump mit Covid-19 infiziert hat, ist tatsächlich nicht ohne Ironie. Es scheint so, als würde der Virus vor allem jene Staatschefs erwischen, die die Gefahren der Pandemie öffentlich immer wieder runtergespielt haben – wie zuvor den britische Premier Boris Johnson oder das brasilianische Staatsoberhaupt Jair Bolsonaro.

Dass die Märkte nach diesem Corona-Schock am Freitag nicht noch stärker eingeknickt sind, überrascht jedoch. Der S&P 500 sowie die Indizes der meisten europäischen Börsenplätze gingen mit einem Minus von nur etwa einem Prozent aus dem Handel. Dabei hatten einzelne Analysten mit Korrekturen von bis zu 10 Prozent gerechnet.

Nun kam die Hiobs-Botschaft für Trump nicht mitten in der Legislaturperiode; in knapp einem Monat stehen in den USA die Präsidentschaftswahlen an. Gerade auf den Finanzmärkten wird keinem Ereignis in diesem Jahr so sehr entgegengefiebert.

Klar ist: Der Positivtest Trumps wird Einfluss auf die Wahlen haben. Welchen Verlauf die Erkrankung des 74-jährigen Risikopatienten nun auch nehmen wird; er wird die heiße Phase des Wahlkampfs in jedem Fall nicht wie geplant fortführen können. Eine Reihe von Wahlkampfveranstaltungen wird der US-Präsident garantiert verpassen. Offen ist hingegen, ob am 15. Oktober die nächste TV-Debatte mit dem demokratischen Herausforderer Joe Biden stattfinden kann. Die Infektion scheint für den mächtigsten Mann der Welt zur Unzeit zu kommen. Man muss jedoch auch die Möglichkeit in Betracht ziehen, dass Trump den Schicksalsschlag in einen Triumpf dreht. Für Anleger ist dies die wichtigste Wette des Jahres. Aber welches Szenario ist nun wie realistisch?

Biden ist nicht mehr der Börsenschreck

Trump ist nach wie vor der Liebling der Börsen. Das war sein Image vor seiner Erstwahl vor vier Jahren – und mit seinen Amtshandlungen bestätigte er diese Erwartung. Vieles, was er in seiner ersten Amtszeit getan hat, bescherte riskanteren Anlageklassen wie Aktien Rückenwind.

Von Herausforderer Joe Biden erwarten die Investoren hingegen eine Politik, die die Märkte nicht auf breiter Front unterstützt. Einige Branchen würden neue Wachstumschancen erhalten, anderen würden jedoch große Risiken drohen. Ähnlich wie die EU-Kommission will Biden einen New Green Deal. Daher würden Unternehmen mit einer nachhaltigen Klimapolitik von entsprechenden Subventionen profitieren. Des Weiteren plant Biden ein Infrastrukturprogramm, das besonders der Grundstoffindustrie und der Baubranche Auftrieb verschaffen würde.

Die großen Tech-Werte könnten hingegen in Bedrängnis kommen: Besonders die Big Five – also Facebook, Apple, Amazon, Microsoft und Google – sollen stärker besteuert werden, was ihre Gewinne drücken würde. Auch die Pharma-Industrie könnte es nach den Steuerplänen von Biden hart treffen.

Zudem ist die Regulierung von Unternehmen und Märkten ein wichtiges Wahlkampfthema. Während es unter Trump einen Deregulierungsschub gab, hat sein Herausforderer strengere Regeln angekündigt, die für Unternehmen neue Hürden errichten könnten.

Ein Amerika unter Biden würde jedoch wieder auf eine engere Zusammenarbeit mit Europa setzen. Daher ist der Demokrat als klassischer Transatlantiker auch klarer Favorit für die Region. Ebenso würden einige asiatische Schwellenländer einen Vorteil daraus ziehen, wenn sich die amerikanische Handelspolitik unter Biden wieder stabilisieren würde.

Der demokratische Kandidat ist nicht mehr das Schreckensgespenst der Börsen. Mehr als alles andere fürchten die Märkte ein anderes Szenario: ein Wahldebakel, das in einer rechtlichen Auseinandersetzung ausufert und dessen Auflösung sich weit bis ins nächste Jahr zieht.

Trumps Erkrankung könnte zu einem Wahlstreit führen

Dem Stimmungsbild nach ist er wahrscheinlichste Wahlausgang eine geteilte Regierung mit Präsident Biden und einem republikanischen Kongress. Ein Linksruck ist ebenso möglich, wenngleich weniger wahrscheinlich. In diesem Szenario würde Biden sowohl die Präsidentschaft als auch beide Kammern gewinnen – den Senat und das Repräsentantenhaus. Der Demokrat hat nach dem Stand der Umfragen aktuell die meisten Stimmen. Diese entscheiden zwar in den USA nicht die Wahl (sondern die Wahlmänner); doch damit es für einen Trump-Sieg reicht, müssten die Umfragen ziemlich falsch liegen oder aber der Präsident müsste kurz vor der Wahl einen deutlichen Schub erhalten.

Es ist nicht auszuschließen, dass Trump seine Covid-19-Infektion im Falle eines milden Krankheitsverlaufs sogar nützt. Als Bolsonaro im Juli erkrankte, regierte er aus der Quarantäne weiter, anders als Johnson hatte er keine schweren Symptome. Er nutzte seine Infektion, um für das umstrittene Malaria-Medikament Hydroxychloroquin als Behandlungsmethode für das Virus zu werben. In der Folge gewann er in Umfragen sogar an Zustimmung.

Sollte es am 3. November knapp werden, wäre das unschöne Szenario eines Wahlstreits nicht unwahrscheinlich. Wenn Pfuscherei ein Thema werden sollte, läge es für den Verlierer auf der Hand, das Ergebnis anzufechten. Sehr viele Amerikaner wollen dieses Mal per Briefwahl ihre Stimme abgeben. Trump hatte wiederholt verkündet, er werde es nicht so einfach akzeptieren, wenn Biden den Sieg durch gute Briefwahl-Ergebnisse erringen sollte.

Aus Sicht der Börse wird es entscheidend sein, wie kompliziert sich die Machtverhältnisse in Washington nach der Wahl darstellen werden. Das Wahlergebnis könnte bis zum Amtseinführungstermin am 20. Januar 2021 noch gar nicht feststehen. Die Amerikaner würden derweil in eine chaotische Verfassungsdiskussion versinken. Nur ein sehr klarer Sieg kann derlei Querelen gänzlich ausschließen.

Es könnten zudem bald Stimmen laut werden, die Wahlen nun einfach zu verschieben. Die US-Verfassung bietet schließlich bei Härtefallen diese Möglichkeit. Der Kongress hat das Recht den Tag zu bestimmen, an dem die Wahlmänner ihr Votum abgeben. Das Trump-Lager könnte nun versuchen, die Wahlen aus taktischen Gründen an einen anderen Termin zu legen. Es ist jedoch so gut wie ausgeschlossen, dass die Demokraten im Kongress einer Verschiebung zustimmen würden. In der gesamten Geschichte der Vereinigten Staaten sind die Wahlen noch nie verschoben worden – weder im Bürgerkrieg, noch im Zweiten Weltkrieg.

In der Regel ist das erste Jahr nach den US-Wahlen ein gutes für die Börsen. Die Währungs- und Aktienoptionen auf den November zeigen jedoch, dass aus Sicht der Börsen mit diesen Wahlen ein immenses Risiko verbunden ist. Die Derivathändler gehen davon aus, dass sich die Entscheidung hinziehen wird und setzen auf Volatilität. Durch das hohe Risiko, dass die Wahl angefochten wird, sollten sich Anleger eher defensiv aufstellen. Sich gleichzeitig verhalten auf einen Biden-Sieg vorzubereiten, würde sich ebenfalls lohnen. Wer sich hier verzockt, denn könnte wie den US-Präsidenten das Karma heimsuchen.



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