GESCO AG: Interview mit Kerstin Müller-Kirchhofs (CFO) und Oliver Vollbrecht (Leiter Investor Relations) auf der Münchner Kapitalmarktkonferenz

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Sehr geehrte Frau Müller-Kirchhofs, sehr geehrter Herr Vollbrecht, vorab muss ich Ihnen, liebe Frau Müller-Kirchhofs, erläutern, dass Herr Vollbrecht und ich schon letztes Jahr im Rahmen der MKK miteinander gesprochen haben, so dass ich Ihn schon kenne. Dementsprechend sollten unsere Leserinnen und Leser auch die GESCO AG, ein Beteiligungsunternehmen, schon kennen, so dass wir uns eine nochmalige Vorstellung des Unternehmens selbst wohl sparen können. Gehen wir daher gleich in medias res, was gibt es Neues von GESCO?

Antwort von Kerstin Müller-Kirchhofs: Bevor ich zu Ihrer eigentlichen Frage komme, möchte ich kurz etwas klarstellen. Die GESCO AG ist zwar ein Beteiligungsunternehmen, aber eben kein Unternehmen aus dem Bereich Private Equity (die sogenannten „Heuschrecken“). Wir kaufen also nicht Unternehmen auf, um diese kurzfristig aufzuhübschen und schnell wieder mit einem entsprechenden Gewinn zu veräußern, sondern wir verfolgen vielmehr eine nachhaltige Buy-and-Hold-Strategie. Wir sind also ein aktiver Investor und sehen uns selbst somit eher als Industrieholding denn als Beteiligungsgesellschaft. Das ist mir sehr wichtig.

Ja, das haben wir auch letztes Jahr thematisiert, ich habe GESCO daraufhin als Mini-Berkshire Hathaway (die Beteiligungsgesellschaft von Warren Buffett) bezeichnet.

Antwort von Kerstin Müller-Kirchhofs (lacht): So vermessen möchte ich jetzt nicht sein, aber in die Richtung geht es schon.

Da Sie ja, wie Sie eben selbst ausgeführt haben, Beteiligungen im Industriebreich halten, müssten Sie ja die konjunkturelle Lage sehr gut bewerten können. Zuletzt kam ja doch etwas Rezessionsangst auf, wie würden Sie die Gefahr für eine Rezession denn derzeit einschätzen?

Antwort von Kerstin Müller-Kirchhofs: Ein wichtiges Thema ist der Automobilsektor und hier wiederum zwei Unterthemen: zum einen die große Frage, wie es mit dem Verbrennungsmotor weitergeht, zum anderen sehen wir hier, vielleicht auch aufgrund dieser Unsicherheit, generell eine Investitionszurückhaltung. Da die GESCO-Gruppe eine Automotive-Abhängigkeit von ca. 30 % hat, spüren wir dies natürlich.

Das andere große Thema ist eine generelle Investitionszurückhaltung in der gesamten Investitionsgüterindustrie. Das betrifft also nicht nur die Automobilindustrie, wenngleich es dort besonders ausgeprägt ist. Hier spielen sicherlich auch Themen wie der Brexit oder der Handelskrieg der USA gegen China eine Rolle.

Zuletzt wurde ja sogar schon diskutiert, dass die Amerikaner auch einen Handelskrieg mit Europa beginnen könnten, Strafzölle auf deutsche bzw. europäische Autos wären laut US-Präsident Trump durchaus denkbar. Wenn dies käme, wäre das für Sie ein Albtraum, ein absolutes „Worst Case“-Szenario, oder? Sind Sie und wenn ja wie auf eine solche Situation vorbereitet?

Antwort von Kerstin Müller-Kirchhofs: Wenn es dazu käme und die Automobilindustrie daraufhin noch stärker in die Krise geriete, hätte dies sicherlich auch für uns negative Folgen.

Jetzt sprachen Sie davon, dass Sie bei vielen Kunden Ihrer Beteiligungen eine spürbare Investitionszurückhaltung sehen. Wie aber sieht es bei GESCO selbst aus? Halten Sie sich dementsprechend derzeit auch mit Neuinvestments zurück? Oder wollen Sie, getreu dem Motto, dass jede Krise auch Chancen bietet, vielleicht gerade jetzt (womöglich günstig) solche Neuinvestments tätigen?

Antwort von Kerstin Müller-Kirchhofs (lacht erneut): Ich beginne mal anders. Die Unternehmen, an denen wir beteiligt sind, halten derzeit eine strikte Kostendisziplin ein. Es werden also nur absolut notwendige Investments in Sachanlagen getätigt. Ihre Frage zielte aber wohl in eine andere Richtung, nämlich wie es mit weiteren Akquisitionen aussieht. Dazu kann ich erst einmal sagen, dass wir in 2019 keine solche durchgeführt haben.

Dies heißt aber nicht, dass wir nicht Augen und Ohren offengehalten und zum Teil sogar sehr konkrete Gespräche geführt hätten. Es hat eben am Ende nur leider nicht gepasst. Wir planen daher auch weiterhin Zukäufe, durch die wir robuster beziehungsweise stärker werden möchten. Wir schauen uns daher alle eingehenden Angebote sehr genau an. Übrigens sind es zuletzt gar nicht weniger Angebote gewesen, das Niveau blieb in etwa konstant. Darüber hinaus gehen wir zudem auch aktiv in den Markt und sprechen mögliche Akquisitionsziele an.

Leider gibt es derzeit viele Angebote im Bereich Automotive, der eben – wie ausgeführt – in der Krise steckt. Hier wollen wir uns derzeit natürlich nicht unbedingt verstärken. Zumal die aufgerufenen Übernahmepreise, dank guter Zahlen in der jüngeren Vergangenheit, tendenziell noch eher zu hoch sind. Wir kaufen aber nicht die Vergangenheit, sondern die Zukunft.

Verständlich, dass Sie sich derzeit nicht unbedingt im Automotive-Bereich weiter verstärken möchten. Aber in welchen Bereichen würden Sie das denn gerne tun?

Antwort von Kerstin Müller-Kirchhofs: Wir sind, das finde ich auch gut, relativ breit aufgestellt. Wir kennen uns aus in Bereichen wie der Produktion, den produktionsnahen Dienstleistungen sowie Produktionstechnologien. Bei solchen Themen können wir sehr gut unsere Expertise einbringen.

Wichtig ist für uns im Einzelfall, in wie weit sich das entsprechende Unternehmen von anderen abhebt und uns als Konzern robuster und stärker macht – oder ob es als Add-On für eine unserer bereits bestehenden Beteiligungen in Frage kommt.

Ein Beispiel hierfür: Wir haben ja mit Dörrenberg ein richtiges Schwergewicht in unserer Gruppe. Zur Ausbalancierung des Portfolios möchten wir Dörrenberg gerne noch zwei größere Unternehmen zur Seite stellen, die dann aber ihre Stärken natürlich in anderen Märkten haben sollten.

Wie eingangs schon erwähnt, verfolgt GESCO ja grundsätzlich einen ähnlichen Ansatz wie Warren Buffett bei Berkshire Hathaway. Jetzt wirft man Buffett gerne vor, dass er im Laufe der Jahre ein Sammelsurium an Übernahmen getätigt hat und Berkshire Hathaway daher heute ein wenig strukturiertes Industriekonglomerat darstellt. Wie sieht das bei Ihnen aus? Sie möchten ja wahrscheinlich nicht einen ziemlich unstrukturierten Gemischtwarenladen zusammen basteln, vermute ich mal…

Antwort von Kerstin Müller-Kirchhofs: In gewisser Weise sind wir schon ein Gemischtwarenladen, aber doch ein eng begrenzter Gemischtwarenladen. Denn wir haben nie unseren Fokus verloren. Daher finde ich unsere Aufstellung schon gut – und wenn wir so weiterarbeiten wie bisher, sehe ich nicht die Gefahr, dass wir uns verzetteln.

Grundsätzlich ist es auch so, dass wir mittelfristig gerne nur noch Beteiligungen an Unternehmen halten würden, die mindestens einen Jahresumsatz von 20 Millionen Euro schaffen. Das heißt jetzt im Umkehrschluss aber nicht, dass wir alle Beteiligungen veräußern werden, die derzeit noch nicht auf diesem Niveau sind. Zumal aktuell noch kleinere Unternehmen ja durchaus das Potenzial haben können, dieses Ziel in Zukunft zu erreichen. Dennoch könnte als Ergebnis dieses Prozesses am Ende stehen, dass wir uns von der einen oder anderen Beteiligung trennen werden.

Zusätzliche Antwort von Oliver Vollbrecht: Ein Wort noch zum Thema „Gemischtwarenladen“. Meines Erachtens wissen unsere Aktionäre schon sehr genau, was sie für ihr Geld bekommen. Sie kaufen sich nämlich ein Beteiligungsportfolio, das sich in erster Linie auf die beiden Bereiche Industrie und Investitionsgüter aus dem deutschen Mittelstand konzentriert.

In dieser Hinsicht sind wir dann meines Erachtens sogar ein bisschen weg von Buffett. Denn dieser hat ja einerseits eine Beteiligung an einem Technologiekonzern wie Apple, andererseits aber auch am Ketchup-Hersteller Kraft Heinz und vielen anderen Unternehmen mit ganz verschiedenen Geschäftsmodellen.

Jetzt haben Sie, Frau Müller-Kirchhofs, gerade mögliche Exits ein wenig angedeutet. Ist da etwa im Hintergrund schon etwas in Arbeit?

Antwort von Kerstin Müller-Kirchhofs: Wir sind nicht dabei, ein Unternehmen aus unserem Portfolio aktiv in den Markt zu bringen. Aber grundsätzlich gilt, dass wir auch in Sachen Exits Augen und Ohren offenhalten und es durchaus hin und wieder auch mal Übernahmeangebote für Unternehmen aus unserem Portfolio gibt.

Zusätzliche Antwort von Oliver Vollbrecht: Wenn wir ein Unternehmen kaufen, dann nicht in der Absicht, es bald wieder zu verkaufen. Da ist unsere Strategie komplett unverändert. Gleichwohl sind Exits aus strategischen Gründen denkbar; es hat sie auch in der Vergangenheit von Zeit zu Zeit gegeben.

Ein großes Thema unseres Gesprächs vor einem Jahr war, dass Analysten und Investoren es, schon aus Transparenzgründen, nicht so gut fanden, dass die Geschäftsjahre der Beteiligungen und der GESCO AG nicht synchron liefen. Konkret entsprach das Geschäftsjahr bei den Beteiligungen dem Kalenderjahr, wohingegen das Geschäftsjahr der AG verschoben war. Wie sieht es an dieser Front aus?

Antwort von Oliver Vollbrecht: Wenn ich mich richtig erinnere, hatten Sie mich danach gefragt. Ich hatte dann geantwortet, dass die Synchronisierung der Geschäftsjahre perspektivisch durchaus ein Thema werden kann, wir seinerzeit aber andere Prioritäten gesetzt haben. Diese Prioritäten haben sich im Laufe des Jahres nun tatsächlich geändert.

Zusätzliche Antwort von Kerstin Müller-Kirchhofs: Als CFO bin ich natürlich genau der richtige Ansprechpartner für diese Frage. Diese nicht synchron laufenden Geschäftsjahre haben die GESCO schon seit ihrer Gründung begleitet. Während sich Analysten und Investoren durchaus manchmal kritisch dazu geäußert haben, hatte die Deutsche Prüfstelle für Rechnungslegung (DPR) dies jedoch in ihren bisherigen Prüfungen nie bemängelt.

In der Stichprobenprüfung zum 31. März 2018 wurde dieses Thema dann von der DPR aufgegriffen und mit meinen Kollegen intensiv diskutiert. Deshalb mit meinen Kollegen, weil ich erst im Mai zur GESCO als CFO hinzugestoßen bin. Letztlich war es dann so, dass kurz nach Finalisierung unseres 2019er Abschluss die DPR diese Rechnungslegung als fehlerhaft feststellte. Dabei hat sich an den gesetzlichen Bestimmungen gar nichts verändert, es gab nur eine Veränderung in der Auslegung dieser durch die DPR.

Wir haben dies zum Anlass genommen, den Versatz der Geschäftsjahre zu beenden und das Ganze zu synchronisieren. Dementsprechend haben wir der Hauptversammlung 2019 vorgeschlagen, das Geschäftsjahr der AG auf den 31. Dezember umzustellen.

Ab dem kommenden Geschäftsjahr 2020 entspricht daher sowohl bei unseren Beteiligungen als auch bei der AG das Geschäftsjahr dem Kalenderjahr, es ist also alles synchronisiert.

Wenn Sie jetzt eine Akquisition durchführen würden, das übernommene Unternehmen aber ein verschobenes Geschäftsjahr aufweisen würde, was würden Sie dann tun?

Antwort von Kerstin Müller-Kirchhofs: Dann würden wir deren Geschäftsjahr sofort umstellen und somit synchronisieren, keine Frage.

Haben Sie eventuell noch ein Schlusswort, was wollen Sie ihren Aktionären gerne mit auf den Weg geben?

Antwort von Kerstin Müller-Kirchhofs: Wir sind in der jetzigen Konstellation im Vorstand noch relativ neu zusammen. Mein Kollege ist seit eineinhalb Jahren dabei, ich sogar erst seit einem halben Jahr. Ich bin aber überzeugt, dass wir mit dem, was wir als Strategie ausgearbeitet haben, die GESCO auf das nächste Level entwickeln können. So haben wir unsere Strategie daher ja auch genannt.

Wie ich schon in der kurzen Zeit gesehen habe, ist die Zusammenarbeit mit unseren Tochtergesellschaften sehr intensiv und sehr spannend. Zwar können auch wir uns nicht von den ökonomischen und konjunkturellen Zwängen befreien, aber wir möchten die Gruppe robuster und damit stärker machen. Das ist unser erklärtes Ziel.

Frau Müller-Kirchhofs, Herr Vollbrecht, ich bedanke mich für das nette Gespräch und wünsche Ihnen viel Erfolg, so dass Sie Ihre Ziele allesamt erreichen werden!

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diese relative Staerke hat mich auch verwundert, denn bei 19 Euro war immer wieder starkes Kaufinter
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