Durch Game Changer zur Jahresschluss-Rally

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Es sieht gut aus im Umfeld der Börsen und Kapitalmärkte. Die Risikobereitschaft der Anleger hat international spürbar zugenommen – die Kurse spiegeln das wider. Als alter Börsenbeobachter verfolge ich zudem die Sprache der Marktteilnehmer, vermittelt die doch zusätzliche Hinweise auf das Verhalten und die Stimmung. Aktuell fallen zwei trendbegleitende Modebegriffe auf – Game Changer und Jahresschluss-Rally. Gleichzeitig ist das vor allem von den Medien bevorzugt verwandte Wort bei der Tendenz- und Stimmungsbeschreibung altmodisch geworden: Unsicherheit. Interessant auch die von den Charts aufgezeigten Parallelen zum Frühjahr, denn seit der zweiten Oktoberhälfte erkennen wird ebenfalls ein großes „V“ im Dax.

Die Namen der beiden Game Changer kennt jeder Anleger: Joe Biden und Biontech-Impfstoff. Dem davon abgeleiteten Optimismus halten die (noch nicht verstummenden) Skeptiker entgehen, dass vielerorts weiter steigende Infektionszahlen die Risiken längerer Shutdowns und einer Verschärfung der Maßnahmen fortschreiben. Auch gibt es diverse Hinweise von Notenbankern und anderen Top-Wirtschaftsvertretern, wonach sich die Konjunktur beiderseits des Atlantiks abkühlen dürfte. Wie kann es dann bis Ende 2020 eine Fortsetzung des Kursauschwungs geben? Begründete Zweifel werden laut, die Unsicherheit ist also doch noch nicht verflogen. Jedenfalls wird das Thema Jahresschluss-Rally von vielen Anlegern noch als zu heikel empfunden. Somit scheint also ein Rekordhoch für den deutschen Leitindex in der neuen Woche eher unwahrscheinlich zu sein.

Trotz der möglicherweise etwas zu weit gelaufenen jüngsten Rally dürften das Impfstoffthema und der Machtwechsel in den USA in den kommenden Wochen einen eher positiven Einfluss auf die Börsenstimmung haben, hoffen die mehrheitlich zuversichtlichen Analysten, die einen Schlussspurt zumindest für möglich halten. Anderer Profis gehen mittlerweile noch einen Schritt weiter und empfehlen ihren Kunden, schwächere Kurse für den Aufbau der Aktienpositionen zu nutzen.

Wie mutig man auch sein mag – auf jeden Fall ist das Szenario einer nachhaltigen wirtschaftlichen Erholung und im Zuge dessen auch einer Erholung der Unternehmensgewinne im kommenden Jahr viel wahrscheinlicher geworden. Institutionelle Investoren stellen sich unterschiedlich darauf ein bzw. haben es bereits getan. Grundsätzlich gelten die Aktienmärkte als attraktiv. Ein Beispiel aus der Schweiz: Das Anlagekomitee der Credit Suisse hat vor wenigen Tagen beschlossen, die Allokation in Schwellenländeraktien auf „Übergewichten“ zu erhöhen. Robustes Wachstum und sich verbessernde Gewinne in Asien – insbesondere im Schwergewicht China – dürften Unterstützung bieten und sprechen für eine anhaltende Outperformance. Die Konjunkturaussichten hellen sich auch für die meisten anderen Schwellenländer auf, und ein schwächerer Dollar sollte sich ebenfalls positiv auswirken. Da sich der US-Markt (gemessen am S&P 500) jüngst binnen kurzer Zeit den Hochs von Anfang September angenähert hat, suggerieren die Indikatoren, dass dieser kurzzeitig in überkauftes Terrain vorgestoßen ist. Die Schweizer bleiben jedoch bei ihrer Meinung, dass die Aktienmärkte mittelfristig attraktive Renditeaussichten bieten. Verschiedene Faktoren sprechen dafür: Erstens haben die Unternehmen die durch den Lockdown verursachte wirtschaftliche Kontraktion insgesamt relativ gut überstanden, was sich in den starken Gewinnrevisionstrends nach zunächst eingebrochenen Prognosen widerspiegelt. Zweitens halten die Zentralbanken in den USA und Europa an ihrem stark unterstützenden Kurs zur Überwindung der Coronakrise fest. Dies mindert die wirtschaftlichen Extremrisiken wesentlich, und risikoreichere Anlagen werden somit attraktiver. Drittens dürften die Covid-19-Sorgen der Anleger weiter nachlassen, da Impfstoffe zur breiten Verteilung in Reichweite rücken, womit im ersten Halbjahr 2021 gerechnet wird. Auch bei Unternehmensanleihen und dem breiten Rohstoffkorb (BCOM) rechnen Credit Suisse mit attraktiven Renditen: „Wir bleiben in Investment-Grade-Anleihen und Schwellenländer-Hartwährungsanleihen übergewichtet und belassen High-Yield-Anleihen auf dem strategischen Niveau.“ Staatsanleihen werden dagegen weiter untergewichtet.

Wer den Mut, noch im auslaufenden Jahr zu investieren, nicht aufbringen kann, den erinnere ich gern an meine „Bisschen-Taktik“. Denn damit geht man kein großes Risiko ein, ist aber zumindest mit einem kleineren Teil des verfügbaren Kapitals im positiven Fall dabei. Mit „ein bisschen“ mitzumischen, gilt übrigens für alles was neu ist und besonders riskant erscheint – das war so bei den Anfängen moderner Tech-Aktien sowie bei Bitcoin & Co und lässt sich aktuell auf neue Börsengänge (IPOs) unbekannter Firmen übertragen.

Meine wichtigste konkrete Empfehlung aber: Bleiben Sie gesund – und machen Sie’s gut!

Herzlich, Ihr Börsen-Dino!



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