Die trügerische Illusion einer finanziellen Stabilität

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Die sprichwörtliche Ruhe vor dem Sturm hat etwas Befremdliches. Sie wirkt friedlich und paradiesisch, ist aber die Vorhalle zur Hölle, die plötzlich mit einer Urgewalt über die Betroffenen hereinbricht. Wir kennen dieses Phänomen aus der Natur und wir kennen es auch von der Börse. Gefährlich ist es in beiden Fällen.

Gefahren scheinen die Anleger momentan nicht zu sehen – zumindest keine großen. Zugegeben Sorgenfalten sieht man immer wieder mal auf ihrer Stirn, aber seit die Notenbanken während der Finanzkrise und der darauffolgenden Schuldenkrise in Europa zu verstehen gegeben haben, dass sie bereitstehen, den Markt im Zweifelsfall mit viel Geld aus dem Nichts zu stützen und zu beruhigen, sind die heutigen Sorgen nicht mehr mit denen früherer Tage vergleichbar.

Die Sorge, einen Gewinn zu verpassen, ist derzeit größer als die Furcht, einen Verlust zu erleiden. So wirken die Märkte insgesamt stabil. Die Kurse steigen seit Jahren und die Volatilität hat sich immer weiter zurückgebildet. Wer kritisch auf diese doch etwas selbstzufriedene Sichtweise und die mit ihr verbundenen Gefahren hinweist, wird von den meisten Anlegern schnell als notorischer Schwarzseher verunglimpft und müde belächelt.

Denn während andere sich Sorgen machen, gibt es viel Geld zu verdienen. Etwa bei den Kryptowährungen, die im letzten Jahr wie Pilze aus dem Boden schießen und sich vorübergehend einer unglaublichen Beliebtheit erfreuten. Hier galt ebenfalls das Motto, das auch den Aktienmarkt auf immer höhere Niveaus getrieben hat: Korrekturen sind, wenn sie denn kommen, immer kurzfristiger Natur und daher Kaufgelegenheiten. Anleger, die diese Kaufgelegenheiten in den letzten Monaten bei den Kryptowährungen wahrgenommen haben, zittern inzwischen jedoch – und das nicht ohne Grund.

Die Macht der Gewohnheit ist auch eine Gefahr

An den Aktienmärkten war es in den letzten Jahren jedoch so: Korrekturen waren Kaufgelegenheiten und der Markt hat genau hingesehen und seine Lektion gelernt. Nun werden die ausgebildeten Trends unreflektiert in die Zukunft fortgeschrieben. Einer der mit Abstand wichtigsten Trends ist, dass die Zinsen auf Dauer niedrig bleiben werden. Doch warum eigentlich? Weil das Risiko eines Kreditausfalls so gering ist oder weil die Schuldner überleben müssen, koste es, was es wolle?

Mit den Zinsen, die angeblich langfristig unter ihren historischen Durchschnitten verharren sollen, sind auch Kredite kein großes Problem mehr. Die Folge: Immer mehr Deutsche leisten sich den Traum von den eigenen vier Wänden. Sie schreiben dabei zwei Entwicklungen unverändert in die Zukunft fort: Die Zinsen werden nicht steigen und die Immobilienpreise nicht sinken.

Dabei sind die Immobilienpreise, nicht nur in Deutschland sondern weltweit, im Verhältnis zu den verfügbaren Einkommen schon sehr stark gestiegen. Passieren darf an dieser Stelle nichts mehr, denn wenn die Werte auch nur leicht zurückgehen, geraten viele Schuldner schnell unter Druck und eine ausgemachte Schuldenkrise wäre die Folge.

Weil das heutige Verschuldungsniveau deutlich höher ist als das der Jahre 2007/2008, dürfte es für die Notenbanken entsprechend schwerer sein, eine zweite Schulden- bzw. Bankenkrise in den Griff zu bekommen. Die niedrigen Zinsen haben nicht nur die Höhe der Schulden steigen lassen. Sie haben auch das Bewusstsein für die mit der Investition in Häuser und Wohnungen verbundenen Gefahr geschwächt.

Die Irrationalität nimmt zu

Es gibt zu jeder Zeit Investments, die gerade gefragt sind. In Krisen sind es defensive Anlageformen wie Gold und Silber oder die Aktien der Versorger. In der zweiten Hälfte des Jahres 2017 haussierten die Aktien der Banken und die Kryptowährungen, allen voran die Bitcoins. Die mit beiden Anlageformen verbundenen Unwägbarkeiten wurden dabei ebenso ignoriert wie die offensichtliche Substanzlosigkeit dieser Investments.

Die Konsequenz erleben wir in diesen Tagen: Nicht nur die Deutsche Bank Aktie hat ausgehend von ihrem 2017er Hoch rund die Hälfte ihres Werts verloren, der Bitcoin und viele andere Kryptowährungen haben es auch. Die anfängliche Euphorie ist vorbei und niemand weiß, ob sie noch einmal zurückkommen wird.

Inzwischen gibt es über 900 verschiedene Kryptowährungen. Dabei ist nicht einmal eine von ihnen so weit entwickelt, dass sie generell als Zahlungsmittel eingesetzt werden kann. Versuchen Sie einfach mal bei ihrem nächsten Restaurantbesuch oder beim Fahrkartenkauf am Schalter oder Automaten mit Bitcoins zu bezahlen.

Der „Gegenwert“ der Kryptowährungen besteht in aufwendigen Rechenschritten. Diese sind prinzipiell nichts Besonderes und damit generell reproduzierbar. Worin besteht also der Wert eines Bitcoins und warum stieg dieser über Nacht mal eben um etliche Dollar, wenn nur Computer und der sie betreibende elektrische Strom benötigt werden, um weitere Bitcoins zu erzeugen?

Bei den Bankaktien sieht es nicht viel anders aus. Auch hier reagierten die Anleger auf einige kosmetische Bilanzveränderungen mit einem Hype, der nicht gerechtfertigt war. Allen ist bekannt, dass die Banken vor dem Hintergrund der tiefen Zinsen Probleme haben Gewinne zu erwirtschaften. Jeder weiß auch, dass viele Institute mit faulen Krediten zu kämpfen haben.

Zweifel unangebracht

Weil aber die Banken ihre Ergebnisse optisch gut aussehen ließen, indem sie ihre Rückstellungen für ausfallgefährdete Kredite auf Basis prozyklisch schöngerechneter Ausfallraten auflösten, machte die Branche wieder „schöne Gewinne“, die anschließend die Aktienkurse kräftig steigen ließen.

Solange der Blick nur auf das Offensichtliche gelegt wird, ist die Welt für die meisten Anleger noch in bester Ordnung. Erst ein kritischer Blick hinter die Kulissen offenbart die Schwächen des Systems. Wird er wieder von einer größeren Anzahl Anleger vollzogen, können die Börsenampeln schnell wieder nicht nur auf Rot springen, sondern auch für eine längere Zeit in dieser Phase verharren.


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